….und noch eine neue ViertelBerliner-Serie:

Auf der Suche nach der Wahrheit im Internet…

16.02.2004

Der Griff nach den Sternen

Schon der gemeine Feld-Wald-und-Wiesen-Irrtum ist lehrreich. Ein sprudelnder Quell verborgener Wahrheiten aber ist sein großer Bruder, der „unglückliche, überaus bedauerliche Irrtum“ von der Art, wie ihn jetzt eine Sprecherin von amazon.com einräumte. Die kanadische Website des weltweit größten Internet-Buchhändlers hatte in der vergangenen Woche mehrere Tausend anonymer Rezensenten geoutet. Für die „Customer Review“ zeichnete plötzlich nicht mehr „a reader from St. Louis“ oder „a reader from New York“, sondern die Internetadresse des Einsenders. Das ging so einige Tage, bis der Irrtum durch Beschwerden betroffener Ex-Anonymer bemerkt und abgestellt wurde.

Da war aber längst offenbar geworden, dass inmitten der lawinenartig anschwellenden, derzeit circa zehn Millionen customer reviews auf der Amazon-Website ein altes, zum Beispiel im 18. Jahrhundert beliebtes Genre wieder aufblüht: die anonyme Selbstrezension. So erwies sich, dass etwa die Lobeshymne, mit der „ein Leser aus Chicago“ dem neuen Roman von John Rechy „The Life and Adventurers of Lyle Clemens“ fünf Sterne zukommen ließ, von Mr. John Rechy selbst stammt. Das ist an sich schon interessant. Noch interessanter aber ist, wie Rechy auf die Nachfrage der New York Times reagierte: nicht als ertappter Sünder, sondern als selbstbewusster Wahrer von Autoreninteressen im Zeitalter des Internet, in dem die Sternchenvergabe der Kundenbewertungen als Steuerungselement auf den Buchverkauf einwirkt. Die anonyme Selbstrezension, sagt Rechy, ist ein Akt der Notwehr.

Das klingt nach Ausflucht, ist aber ein Argument. Der ideelle Gesamtautor der customer reviews ist nicht der naive, mit Herzblut schreibende „Normalleser“ der Internet-Idylle, in der das Leservolk demokratisch über die Bücher abstimmt. Durch den Irrtum gibt amazon.com Einblick in die andere Seite seiner Website: in ein Feld des organisierten Hauens und Stechens, auf dem im Schutz der Anonymität Familien und Freunde, professionelle Rivalen und Feinde der Autoren – und natürlich auch diese selbst – nach den Sternen greifen.

lmue

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