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Eine junge Familie – aller Hoffnung auf Liebe beraubt
DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER
Deutschland 2003, 95 Min.
Regie: Romuald Karmakar
Mit Frank Giering, Anne Ratte-Polle, Marthe Keller, Manfred Zapatka, Sebastian Schipper
Offizieller Wettbewerbsbeitrag

*** = 3 Sterne

Synopsis: Sie (Anne Ratte-Polle) und Er (Frank Giering) kennen sich von der Schule, seitdem sind sie ein Paar. Sie sind Ende 20, haben ein gemeinsames Kind. Sein Leben ist ins Stocken geraten, denn er ist ein erfolgloser Schriftsteller. Er sitzt immer nur zu Hause herum. Sie fühlt sich jung, will leben, Spaß haben. Aber mit ihm geht das nicht. Eine Nacht tragischer und folgenreicher Entscheidungen.

Kritik: „Ich mute den Leuten was zu“, sagt Regisseur Romuald Karmakar. Das tut er, und das ist auch gut so. DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER ist eine Adaption des gleichnamigen Theaterstücks des Norwegers Jan Fosse. Die Zumutung seines Films besteht darin, dass er die Situation zwischen Ihm und Ihr mit Hilfe der Sprache so sehr verdichtet, dass sie unerträglich wird.

Durch permanente Wiederholungen weniger Sätze von ihr wie „Ich halte das nicht mehr aus. Ich muss hier raus.“ und seine kraftlose, seltene Erwiderung „Aber es geht uns doch gut zusammen“ überträgt sich innerhalb weniger Minuten die physische Anspannung der Figuren, die in ihrem Körper gefangen sind auf den Zuschauer, eine absolut hoffnungslose Situation.

Obwohl Frank Giering und Anne Ratte- Polle (sie in ihrer ersten Kinorolle) sehr gut spielen, berühren sie nicht. Aber sie setzen ein existentielles Gefühl der Beklemmung und Enge beim Betrachter frei, das immer mehr zunimmt. Der sehr kurze Besuch seiner Eltern (sehr schöner Gastauftritt von Manfred Zapatka und Marthe Keller) verstärkt dieses Gefühl umso mehr, als deutlich wird, dass auch die beiden es in der Wohnung des Pärchens nicht aushalten. Noch am selben Tag startet Sie einen Ausbruchsversuch: sie geht lange shoppen, setzt sich in ein Café. Kurz kehrt sie zurück in die gemeinsame Wohnung, und sofort schlägt die Bedrängung wieder zu. Deshalb zieht sie nachts durch die Berliner Clubs.

Für diese Szenen wechselt Kameramann Fred Schuler seinen Stil, er zeigt sie befreit, fröhlich, die Kamera fließt im Rhythmus der Beats. Ein guter Kontrast zur anschließenden Klimax, in der eine müde Sie vor eine der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens gestellt wird.

In der sezierenden Bestimmtheit der Gefühle, der Illusionslosigkeit und der Verlorenheit der Personen im Raum erinnert DIE NACHT SINGT IHRE LIEDER an die Filme Ingmar Bergmans, John Cassavetes oder auch an die rauen Werke des frühen Fassbinders. Romuald Karmakar ist ein kompromissloser, intelligenter Film gelungen, wie er sehr selten im deutschen Kino zu finden ist.

Nana A.T. Rebhan

Keywords: Romuald Karmakar, Frank Giering, Anne Ratte-Polle

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