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Ein wenig Kultur könnte uns nicht schaden

Das Zweite Gesicht – Schriftsteller im Netz

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich die guten und die weniger guten Homepages einiger deutscher Schriftsteller im Netz angesehen.

Offizielle Homepage von Walter Kempowski

Das Echo

Der Herr über die Archive hat anders als viele seiner Altersgenossen keine Berührungsängste vor den neuen Medien. Bei der Wissensgesellschaft ist er vorne mit dabei, eine Homepage versteht sich von selbst. Man könnte auch sagen: Jedes Mittel ist ihm Recht, damit auch nicht ein Staubkorn deutscher Geschichte verloren geht. Nichts ist umsonst durchlitten, wo der Chronist Walter Kempowski die Zeitläufte sammelt. Auch was einst in sibirischen Wintern während des Feldzugs Barbarossa mit zittrig-verfrorener Hand ins Tagebuch gekritzelt wurde, kann potentiell zumindest zuletzt unter dem schützenden Schirm dieses Portals aufgehoben werden. Ein Bruder Leichtfuß ist Kempowski dabei naturgemäß nicht: Den Kopf schwer auf die Hand gestützt, geht der Blick seitlich ins Kameraauge, während die schwarzen Schatten von einer tiefen Nacht künden. Es ist ein typisches Autorenporträt, das die Gesetze des Genres streng erfüllt. Nur keine verspielte Originalität. Ein Monument des Ernstes, als heulten die Sirenen und flackerten die Feuerstürme des Bombenkrieges wie ein Echo in den Tiefen des Web. Seinen Lesern stellt sich der Autor in ganzer Strenge vor. Für die Generation Pop ist diese Pose eindeutig zu grüblerisch, zu unfroh. Aber gerade das macht den Reiz dieser Homepage aus: Wie sich hier fast altertümlicher Ernst und ein neues Medium verbinden. Anders gesagt: Hier schmeißt sich keiner ran an die gute Laune des Zeitgeistes, hat aber trotzdem keine Berührungsängste.

Offizielle Homepage von Elfriede Jelinek

Terror im Bambiland

Elfriede Jelinek, das dürfte mittlerweile klar sein, schenkt einem nichts. Unbarmherzig werden die dunkelsten, schwärzesten Winkel unseres Herzens, dieser Mördergrube, ausgeleuchtet. Kein Versteck, keine Nische lässt sie uns, in die wir fliehen könnten, um uns vor uns selbst zu verstecken. Jedes Bild der Unschuld, von dem wir Trost erhofften, wird entlarvt und dekonstruiert. Zum Beispiel das Bambi auf Jelineks Homepage. Normalerweise würde man entzückt ausrufen: „Wie süß!“ Weil man kleine Rehchen für Symbole der Unschuld und der Reinheit hält, wie sie Mutter Natur in ihrer Güte hervorgebracht hat. Eine asexuelle Idylle aus der Welt scheuer Waldbewohner. Welche Naivität! Wer in die Jelinek-Welt initiiert ist, der erkennt in diesem nur scheinbar tierlieben Bildchen gleich das ganze Ausmaß an hormongesteuertem Terror und phallokratischer Zurichtung. Spreizt dieses Rehlein seinen Hinterlauf nicht auffordernd dem Betrachter entgegen? Ist das nicht die Pose höriger Unterwerfung? Und damit unser eigener Blick auf das Tier der des Voyeurs? Fängt da nicht schon die Pornographie und der Faschismus an? Aber gewiss doch. Das jüngste Stück von Elfriede Jelinek, in dem es – nicht zwingend in dieser Reihenfolge – um Terror, Voyeurismus, den Irakkrieg, die Medien und Porno überhaupt geht, heißt alleserklärend „Attabambi-Pornoland“. Elfriede Jelineks Homepage ist kein Musikantenstadel. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussah.

Offizielle Homepage von Benjamin von Stuckrad-Barre

Die Hose

Als Benjamin von Stuckrad-Barre mit Claus Peymann eine Hose kaufen wollte; als er mit ihm Stunden im Bekleidungsgeschäft Selbach am Kurfürstendamm verbrachte, um Peymann, dem Theatermenschen, zum Schluss Geld für ein bloßes T-Shirt borgen zu müssen, da dieser sein Portemonnaie im Theaterbüro liegen gelassen hatte; als also aus dem großen Thomas-Bernhard-Peymann-Hosenkauf kein Peymann-Stuckrad-Barre-Hosenkauf wurde, war Harald Schmidt von dem Dramolett, das daraus entstanden ist, so begeistert, dass er es der Welt auf seiner Homepage zugänglich machen wollte. Die F.A.Z., die das Minidrama auf den „Berliner Seiten“ druckte, wollte aber nicht. Dabei hätte Schmidt „jeden Preis“ gezahlt – was seiner Meinung nach die „Berliner Seiten“ womöglich hätte retten können. Man fragt sich nun: Wo ist auf Stuckrad-Barres Seite dieses Dramolett? Hier dürfte und müsste es doch stehen, weil es zum Besten gehört, was wir vom „jungen Dichter“, wie Peymann Stuckrad-Barre bei Selbach zu nennen pflegte, gelesen haben! Es ist aber nicht da, nur unter einem Amazon-Link zu kaufen unter „Deutsches Theater“. Autoren-Homepages sind so selten Highlight-Revues, was schade ist. Denn mit lapidaren „Was ich mag“-Listen und einem Bild vom heftig schielenden Autor, der die „Please“-Platte von den Pet Shop Boys, eine zugegebenermaßen sehr schöne Platte, im Mund hat, wollen wir uns nicht zufrieden geben. Wir wollen mehr. Please.

Offizielle Homepage von „Anna Roth“ (Pseudonym)

Die Erpressung

Diese Homepage ist uns gewissermaßen im letzten Moment von der Schippe gesprungen. Denn noch bis vor zwei Wochen bot sie die ungewöhnliche Möglichkeit, ein Menschenleben zu retten. Damals war der Countdown auf den 5. März eingestellt. An diesem Tag, kündigte die Homepage großspurig an, wolle sich der Mann, der unter dem Pseudonym „Anna Roth“ schreibt, umbringen, wenn die Welt bis dahin sein literarisches Werk nicht gewürdigt hätte. Zwei seiner Bücher wurden offenbar verlegt, sind aber laut Amazon nicht mehr lieferbar. Drei weitere Manuskripte liegen in der Schublade und warten verzweifelt auf Publikation. Deshalb das Ultimatum, das sich – wenn wir das richtig verstehen – vor allem an Verleger und Literaturkritiker richtete. Vielleicht ging es aber gar nicht so sehr um Literatur. Vielleicht hätte es eine Frau auch schon getan: „Manchmal“, konnten wir auf seiner Homepage lesen, „quält mich der Gedanke, dass ich einfach deshalb viele Empfindungen in meine Texte einbringen muss, weil mir die Partnerin fehlt, der ich meine Wärme schenken könnte.“ Noch bevor sich der Literaturbetrieb und die Frauenwelt erpressen ließen, blies „Anna Roth“ seine Selbstmord-PR-Kampagne ab. In einem Brief an das Branchenmagazin buchmarkt.de nahm er seine Ankündigung zurück und entschuldigte sich für seine makabre Tat, die der Verzweiflung entsprungen sei. Zurück bleibt, welch Sinnbild, ein einsames Kaninchen auf einer verlassenen Tastatur.

…weitere Autoren unter
www.christiankracht.com
Der Pelzhändler

www.houellebecq.info
Die Silk Cut

www.else.tv/de
Ruf nicht an!

www.sibylleberg.ch
Der Faustschlag

www.javiermarias.es
Xavier I.

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