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Balkon- Memorandum

In Berlin wimmelt es ja von allerhand Speziessen, ja nachgerade scheint Berlin die weltgrößte Dichte an Speziessen zu haben. Jeden Sommer aufs neue klettert die Gilde der Stadtromantiker (bevorzugt sind das natürlich Studenten, aber die sind ja eigentlich immer mit von der Partie, wenns um Unsinn geht und können offensichtlich nix dafür) aus ihren medialen Löchern, zeltet neben der Littfassäule, verankert die Hängematte zwischen Schornsteinen und badet die Füße in Kinderplantschbecken. Jedenfalls wollte ich das mal genau wissen und so soll im folgenden Balkon- Memorandum, am Beispiel des vergessenen Kiezes an Friedrichshains Südflanke, mal schonungslos aufgedeckt werden, was im Jahrhundertsommernächten wirklich so getrieben wird.
20:01 Uhr. Die Leuchtanzeige am Tabakladen zeigt 29 Grad an. (Nicht das das etwas besonderes wäre im Moment, aber eingedenk der Tatsache, daß bald wieder Minusgrade durch die Straßen streifen, sollte das erwähnt werden.)
Im Imbiss gehen die Trinker in die 15. Runde an diesem Tag. Sie fahren noch mal ihren Energieausstoß nach oben, beschimpfen sich, schupsen sich von den wackligen Stühlen und begießen sich mit Bier. Dadurch wird die 16. Runde schneller eingeleitet, welche eher ruhiger zugeht. Bis es an die Klärung des Themas geht, wer denn nun eigentlich mehr Steuern zahlt- der Sozial- oder der Arbeitslosenhilfe-empfänger, und wer dementsprechend auf Kosten des anderen lebt. Eigentlich eine interessante Frage, auf die sich aber keine richtige Antwort finden läßt, deshalb gibt’s erstmal ordentlich eins auf die Fresse, bevor sich die ersten schwankend gen heimatliche Komazentrale begeben. Nur noch die Härtesten sind da, die Stilleren und deshalb werden die Geräusche auch immer gedämpfter. 5 mal wird das Geräusch von gruppendynamischem Bierbüchsenaufreissen noch erklingen, bevor das Tagessoll endgültig erbracht ist und auch die letzte Stammtischleber den Kanal voll hat.
21:13 Uhr, die Sonnen geht hinter den Schornsteinen unter und sendet ein rotes Abendlicht. Doch die Sirenen der Krankenwagen, die grad ein Wer-kriegt-den-Patienten-Wettrennen veranstalten, ersticken jeden Anflug von Romantik im Keim. Natürlich will die Bullerei auch erster sein und nimmt lautstark die Verfolgung auf.
21:33 Uhr. Es plätschert fröhlich von den Balkonen. Gerbera und Stiefmütterchen werden getränkt, bis der Pflanzkübel überläuft. Für einen kurzen Moment erinnert die Soundkulisse an eine Wasserfallkaskade und die Luft angenehm feucht. Für einen kurzen Moment.
21:45 Uhr. Der Mond ist voll und gelb- die Punkfrau auf der anderen Straßenseite ist es auch. Sie telefoniert per Handy mit einem Wixer, der sich gefälligst mit ihr treffen soll. Sonst rastet sie aus. Sie könnte sich die Gebühren sparen. Er hört sie bestimmt auch so, am anderen Ende des Kiezes.
21:53 Uhr. Der Radkorso zum Freilichtkino ebbt langsam ab, nur noch ein paar Bummelletzte treten eifrig in die Pedalen. Debiles Vorfreudegrinsen auf die gemütliche Atmosphäre unter Gleichgesinnten zeichnet ihre Gesichter.
22:00 Uhr. Die Lichter in den Wohnungen der Daheimgebliebenen gehen an. Die Fernseher sind es schon lange. Was sie wohl sehen werden? Urlaubsvideos, Reisedokus oder eher bodenständige Sachen wie Star Search? Sie könnten die Sterne am Himmels zählen, aber die sind langweilig und sieht man durch die Dunstglocke eh nicht wirklich. Das weiß ja jedes Kind.
22:12 Uhr. Die Frau im ersten Stock hat Kummer. Wie jeden Abend sitzt sie auf dem Laminatboden und liest alte Briefe. Dazu hört sie eine atonalen Klaviersonate und bricht in Tränen aus. Sie rauft ihre kurzen schwarzen Haare und legt den Kopf auf ihre Knie. Sie tut mir leid und wäre ich Batman würde ich sie bestimmt trösten. Aber ich bin nicht Batman und sie könnte ja auch vor die Tür gehen. Da würde sie bestimmt jemanden treffen. Ob es der richtige wäre steht ja erstmal nicht zur Debatte
22:35 Uhr Gassigehzeit. Wie auf Signal tauchen von überallher Hundebesitzer auf und schleifen ihre Kackmaschinen um den Block. Von Zeit zu Zeit gibt es wildes Gekläff, wenn sich Wege kreuzen. Ein Betrunkener erbricht sich auf einen Pudel und nennt die Hundebesitzerin Rantzvotze.
22:45 Uhr. Aus unbestimmter Richtung kommen die Geräusche von Geschlechtsverkehr. Bodenständiges Stöhnen und langgezogene Jaaaahs. Sehr sommerlich!
22:53 Uhr. Im 3. Stock kommuniziert das Ehepaar auf andere Weise. Sie schreit, er schlägt. Er fällt um, sie tritt ihn in den Unterleib. Dann fällt sie auch um. Die leeren Kornflaschen rollen über den Teppich.
23:15 Uhr. In meine Erkenntnis, daß dies hier alles soviel mit Romantik zu tun hat, wie eine Wurzelresektion, schiebt sich ein strahlendes Licht am Himmel. Sie kommen. Lust auf Sommer auf dem Uranus? signalisieren sie. Ich morse mit meiner Taschenlampe YES und strecke meine Hände in den gleißenden Transmitterstrahl.

Mikis Wesensbitter

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