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Artikel aus der TAZ zum Thema

Netz der Informanten

Südkoreas Netzzeitung OhMyNews erklärt 26.000 seiner LeserInnen zu Reportern und mischt mit dieser Guerillataktik Medien und Politik auf
aus Seoul SVEN HANSEN
Das kleine Büro im fünften Stock eines Hochhauses im Zentrum der südkoreanischen Hauptstadt wirkt so profan wie das einer beliebigen kleinen Firma. Doch von diesen schlichten Räumen aus wurde im Dezember 2002 Südkoreas Präsidentschaftswahl zugunsten des linksliberalen Roh Moo-hyun entschieden. Rohs Wahlsieg führt der Gründer der hier ansässigen Netzzeitung OhMyNews.com, Oh Yeon-ho, jedoch weniger auf den Einfluss seines Webportals zurück. Er räumt allerdings ein, dass OhMyNews Südkoreas erfolgreichste mediale Verbindung von modernster Technologie und zivilem Engagement ist.

OhMyNews brach mittels tausender Bürgerreporter das Monopol von Südkoreas konservativen Medien. Die waren gegen Roh und marginalisierten ihn in ihren Berichten. OhMyNews dagegen berichtete ausführlich. Das wiederum nutzte Roh, der schließlich gewählt wurde. Zuvor hatte OhMyNews ausführlich über den Tod zweier Schülerinnen berichtet, die von einem US- Militärfahrzeug überfahren worden waren, deren Fahrer nicht vor Gericht musste. Dies führte zu Demonstrationen gegen die US-Truppen. OhMyNews-Berichte lösten dann eine landesweite Protestbewegung aus.

„Unsere Stärke ist die Kooperation zwischen unseren fest angestellten Redakteuren und den so genannten Bürgerreportern“, sagt Oh, der auch Geschäftsführer von OhMyNews ist. Seine drei Jahre alte Netzzeitung hat inzwischen 30 feste Redakteure und über 26.000 Bürgerreporter. Das sind als freie Mitarbeiter rekrutierte Leser. „Die berichten nicht nur, sondern sind auch wichtige Informanten“, erklärt Oh. Die täglichen Zugriffe auf www.ohmynews.com gibt er mit 15 Millionen an. Während des Wahlkampfes waren es gar 19,7 Millionen bei einer Bevölkerung von 48,5 Millionen.

Der 39-jährige Oh schrieb während der Militärdiktatur in den 80er-Jahren für Untergrundmagazine. Später arbeitete er für Mainstream-Medien und störte sich an deren Rechtslastigkeit. Mit seiner Form des Journalismus, die er als Guerillataktik bezeichnet, nahm Oh den Kampf auf gegen die drei großen konservativen Blätter Chosun Ilbo, Joong-Ang Ilbo und Dong-A Ilbo. Sie stellen zwei Drittel von Südkoreas Zeitungsauflage.

„Unser Konzept ist, dass alle partizipieren können“, erklärt Oh. Ihm kam zugute, dass Südkorea das wohl am meisten mit Hightech vernetzte Land der Welt ist. 70 Prozent der Haushalte haben einen Breitbandanschluss, der Zugriffe mit Hochgeschwindigkeit ermöglicht. Unter jungen Koreanern ist das Internet inzwischen die Hauptinformationsquelle. OhMyNews-Leser und Autoren sind denn auch zu 80 Prozent zwischen 20 und 30 Jahre alt und zu 75 Prozent männlich.

OhMyNews-Ansatz ist vergleichbar mit dem des globalen Aktivistenportals www.indymedia.org. Das lässt sich mit „jeder Aktivist ein Journalist“ charakterisieren und ist vor allem bei WTO-, IWF- und G-8-Gipfeln eine wichtige Informationsquelle über die Proteste. Indymedia ist bei OhMyNews unbekannt. Dafür schafften die Koreaner den Sprung vom Aktivistenghetto in die linksliberale Mitte der Gesellschaft, die mit dem fortschreitenden Generationswechsel mehrheitsfähig wurde.

Von täglich 200 Artikeln sind 170 von den Bürgerreportern. Die erhalten bei einer Veröffentlichung umgerechnet 15 Euro pro Text, der auf der Titelseite erscheint, und die Hälfte für Texte anderswo. Laut Oh überprüfen die festen Mitarbeiter die Fakten vor der Veröffentlichung. „Geht das nicht, versuchen wir, die Glaubwürdigkeit der Autoren zu überprüfen, mit denen wir uns manchmal sogar treffen“, sagt Oh. In drei Jahren hätten erst zwei Artikel von Bürgerreportern zu Gerichtsprozessen geführt.

Chefredakteur Joeng Woon-hyon, ein Journalist mit fast zwei Jahrzehnten Berufserfahrung, ist selbstkritischer: „Ein Viertel der Texte ist schlecht. Die werden von uns nicht bearbeitet, aber mit der Bemerkung ins Netz gestellt, dass wir die Haftung dafür ablehnen. Die liegt allein beim Autor. Viele Texte haben einen verleumderischen Ton.“

Wie bei Indymedia sind auch bei OhMyNews die Leser ein wichtiges Korrektiv. Am Ende jedes Textes werden deren Kommentare veröffentlicht. Zugleich werden die Leser aufgefordert, für Artikel zu spenden.

Unter Journalisten habe OhMyNews keinen seriösen Ruf, meint Ryuh Kwon-ha, Redakteur und künftiger Deutschland-Korrespondent der konservativen Jong-Ang Ilbo. OhMyNews könne leicht manipuliert werden. Er nutze die Netzzeitung aber als Ideenspender. Ihre Qualität sei, dass die Bürgerreporter die Gesellschaft lebendig und vielfältig widerspiegelten.

Auch Han Seung-dong von der linksliberalen Tageszeitung Hankyoreh und Ohs Kollege aus Untergrundzeiten, findet den Standard von OhMyNews nicht sehr hoch. „Dafür bricht OhMyNews Tabus und veröffentlicht alle Informationen, die sie zu einer Sache bekommen können, auch wenn sie sie nicht immer überprüfen können.“

Hankyoreh wurde 1988 gegründet und ist mit 400.000 Auflage bei 60.000 Anteilseignern Südkoreas Version der taz. Lange war es das einzige Gegengewicht zum konservativen Mainstream. Laut Oh ist seine Netzzeitung noch nicht so einflussreich wie Hankyoreh, werde von den großen Medien inzwischen aber oft zitiert.

Auch reklamiert er einige Scoops für OhMyNews – wie die Enthüllung, dass der Hyundai-Konzern einige hundert Millionen Dollar an Nordkorea zahlte, bevor es im Juni 2000 zum historischen innerkoreanischen Gipfeltreffen in Pjöngjang kam – als Konsequenz aus dieser Affäre hat sich erst am Montag der Sohn des Hyundai-Gründers in den Tod gestürzt.

Inzwischen erscheint OhMyNews in Seoul auch in Form einer kostenlosen Wochenzeitung: OhMyNews, ein Blatt mit 150.000 Auflage und den besten Texten der Webseite. Hat der Name eigentlich etwas mit dem von Gründer Oh zu tun? Nein, sagt dieser. OhMyNews sei eine Anspielung auf den Ausruf „Oh my God!“. Der sei das Markenzeichen eines bekannten Kabarettisten zur Zeit der Gründung der Netzzeitung gewesen. „Das Erstaunen ausdrückende Wort Oh sagt man, wenn man etwas mit Nachrichtenwert erfährt und davon ergriffen ist“, so Oh.

taz Nr. 7122 vom 5.8.2003, Seite 14, 211 Zeilen (TAZ-Bericht), SVEN HANSEN

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